20 Sep.

Die Zeit für den Einzelhandel in der Innenstadt ist abgelaufen

C&A weg, Saturn/MediaMarkt geht, Design + Handwerk macht zu. Der Rückzug des Einzelhandels ist in Bochum nicht mehr aufzuhalten. Falsche Prioritäten und zu spätes und zu langsames Handeln haben eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sich nicht mehr aufhalten lassen wird. Was wurde falsch gemacht, was kann man noch tun?

Über den Erfolg einer Innenstadt entscheiden eine gute Stadtgestaltung, hohe Aufenthaltsqualität und ein gepflegtes und ansprechendes Stadtbild. Der Stadtkern muss gut mit allen Verkehrsmitteln (ÖPNV, Rad, zu Fuß und Auto) erreichbar sein und sollte Menschen mit besonderen Attraktionen anziehen (Strategie zur Belebung der Bochumer Innenstadt). In allen drei Bereichen weist die Bochumer Innenstadt schwere Defizite auf und wurde in den letzten Jahren wenig getan. 

Falsche Prioritäten und Alibimaßnahmen 

Investiert wurde stattdessen fast ausschließlich in das Parken. Für 10 Mio. Euro wurde das Parkhaus P7 neu gebaut, für weitere 10 Mio. Euro das Parkhaus unter dem Husemannplatz abgedichtet und um 475 Parkplätz erweitert. Jährlich rd. 3 Mio. Euro werden in die laufende Sanierung und Subventionierung der Parkhäuser gesteckt.  

Sonst tat sich kaum Nennenswertes. Immerhin, der Spielplatz am Kuhhirten wurde aufgewertet. Der Husemannplatz wird neugestaltet (Planungsdesaster Husemannplatz – Schlimmer geht nimmer). Viele Menschen überzeugt der fast fertige Platz allerdings nicht, die Kritik lautet, zu grau und zu trostlos. Bei der Gestaltung von Rathausplatz und Dr.-Ruer-Platz hat sich hingegen nichts getan. 

Beim neuen Sparkassenbau am Dr.-Ruer-Platz wurde die Chance vertan, einen Anziehungspunkt und Hingucker zu schaffen. Architektonisch ist der Bau kaum mehr als Dutzendware (Chance verpasst: Gähn-Moment statt Wow-Effekt – Neubau der Sparkasse am Dr.-Ruer-Platz).  

Der Effekt der neuen Gestaltungssatzung war bescheiden. Die Zahl der bunten Reklametafeln an den Fassaden hat zwar sichtbar abgenommen, die Zahl der grauen und trostlosen Fassaden leider nicht. Lediglich Baltz hat durch die Umgestaltung der Fassade zum Dr.-Ruer-Platz ein Zeichen für eine ansehnliche Optik gesetzt. 

Das Husemann-Karree ist ein Flop. Ein zweiter Woolworth bereichert die Innenstadt nicht. Die Wirkung vom dritten REWE, L’Osteria, einem weiteren Hotel und dem x-ten Fitnessstudio sind überschaubar.  

Markthalle, Haus des Wissens und Dachpark werden erst frühestens 2028 fertig, beim Terminmanagement der städtischen Bauverwaltung realistisch nicht vor 2030. Für den Einzelhandel kommt die Wirkung zu spät. 

Die Kosmetik an Brückstraße und unterer Kortumstraße durch ein paar zusätzliche Beete, Bänke und Radständer hat keinerlei Effekt. Die verunkrauteten Rankbeete auf der anderen Seite der Brückstraße zeigen, die Werbegemeinschaft hat die Straße längst aufgegeben.  

Das „Radkreuz“ ist eine einzige Katastrophe und taugt eigentlich nur als Beleg für fehlende Kompetenz der Stadt bei der Radwegeplanung (Radkreuz” wird zur Lachnummer). Was helfen viele neue Radständer rund um das Rathaus, wenn die Stadt an der Radwegeplanung scheitert. Auch bei der fußläufigen Erreichbarkeit der Innenstadt gab es keine nennenswerten Verbesserungen (Innenstadt Bochum: Verbesserung der Erreichbarkeit zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV). 

Alles, was für eine bessere Gestaltung, Aufenthaltsqualität und Erreichbarkeit in der Innenstadt getan wurde, war allenfalls Stückwerk, wirkt provisorisch, alibimäßig und damit wenig überzeugend. Wirklich Geld wollte man dafür nicht ausgeben, massiv investiert wurde nur in die Parkhäuser. Das allerdings mit wenig Erfolg. Von 4.250 Parkplätzen, sind an durchschnittlichen Tagen maximal 2.500 besetzt. Es stehen also fast jeden Tag mindestens 1.750 Stellplätze durchgehend leer, selbst an Weihnachtswochenenden sind es mindestens 800 (Parkhausnutzung in Bochum). 

Die Zeichen der Zeit verschlafen 

Nicht nur die Lokalpolitik, sondern auch die Geschäftsleute haben die Zeichen der Zeit verschlafen und die falschen Prioritäten gesetzt. Das Übermaß an schicken und billigen Parkmöglichkeiten bewirkt nichts. Das Fehlen einer zeitgemäßen Stadtgestaltung, die Defizite bei Aufenthaltsqualität und Stadtbild kosten die Innenstadt immer mehr Kunden. Die Kunden fragen sich, was soll ich in der Innenstadt, wenn die mich nicht durch eine gute Stadtgestaltung, hohe Aufenthaltsqualität und ein gepflegtes und ansprechendes Stadtbild anspricht, dann kann ich doch besser und bequemer im Internet einkaufen. Das Bedürfnis in die Innenstadt zu kommen, um da nett zu flanieren und es sich gut gehen zu lassen, besteht immer weniger.

Das Schönreden der Situation durch die Geschäftsleute, hat das rechtzeitig Handeln von Politik und Stadt verhindert. Die fehlende Kritik an falscher Prioritätensetzung bei den städtischen Investitionen, den unzureichenden Maßnahmen zur Verbesserung der Gestaltungs- und Aufenthaltsqualität und die Langsamkeit der Stadt bei den Umsetzungen hat dazu geführt, dass der Rückstand der Bochumer City im Vergleich zu erfolgreichen Innenstädten immer sichtbarer wurde. Woanders wurden die Fußgängerzonen und Plätze immer reizvoller und fescher rausgeputzt, in Bochum nur die Parkhäuser. In der Folge kehren immer mehr Geschäfte und Kunden der Innenstadt den Rücken.

Es wurde versäumt, der Entwicklung rechtzeitig entgegenzuwirken. Jetzt ist es zu spät (2022: Für die Innenstadt läuft die Zeit ab). Die Zeit, um das Ruder rumzuwerfen und die nötigen Investitionen zu tätigen, ist nicht mehr vorhanden. Ein Wirken der Maßnahmen würde ein Großteil der Geschäfte ohnehin nicht mehr erleben. Der Einzelhandel wird in Zukunft in der Innenstadt nur noch eine Nebenrolle spielen.  

Eine Zukunft mit Einzelhandel in der Nebenrolle 

Um großflächige Leerstände zu vermeiden ist zu überlegen, auf welche Bereiche bzw. Straßen der Innenstadt der Einzelhandel konzentriert werden kann und wie aufgegebene Einzelhandelsflächen zukünftig genutzt werden können (Bochumer Innenstadt: Mehr Wohnen – weniger Einkaufen). Wohnen, eine gemischte Wohn- und Büronutzung und besonders das Angebot gesundheitsbezogener Dienstleistungen werden in Zukunft die Innenstadt dominieren.  

Zu fragen ist auch, was mit dem schon heute maßlos überdimensionierten Parkflächenangebot passieren soll. Das Straßenrandparken kann vollständig in die Parkhäuser verlagert werden. Die Parkhäuser können von der Stadt verkauft (Parkhäuser verkaufen und Geld in die Innenstadt investieren) und ganz oder zumindest teilweise zu Quartiersparkhäuser für Anwohner und Anwohnerinnen umgewandelt werden. 

Große Flächen der Innenstadt sollten entsiegelt werden. Parks und Grünflächen könnten im Bereich rund um Propstei Kirche und St. Elisabeth-Hospital (Ein neuer Park für die Innenstadt – rund um das St. Elisabeth-Hospital) sowie am Citytor-Süd entstehen. Der Innenstadtring könnte in einen linearen Park verwandelt werden, wenn sich die Stadt zur Umsetzung eines Circulation Plan wie Gent, Groningen oder Brüssel durchringt.   

Ziel sollte sein, dass Gleisdreieck zu einem Stadtkern zu entwickeln, in dem Menschen gerne zentral wohnen und arbeiten, der einlädt dort ein paar Stunden zu verbringen, sich mit Freunden zu treffen. Es sollte ein Ort entstehen, wo Menschen hingehen, um zu sehen und gesehen zu werden.  

Fest steht, die Innenstadt wird ihre Funktion als Einzelhandelszentrum verlieren. Die verbleibenden Geschäfte sowie Gastronomie werden zukünftig noch zum Flanieren einladen, die City verliert jedoch sukzessive ihre Versorgungsfunktion. Die Menschen werden sie kaum noch anfahren, um dort gezielt Besorgungen zu erledigen.  

Das Stadtzentrum sollte zum Identifikationspunkt der Stadt werden, den man Besuchern und Besucherinnen gerne zeigt und auf das man stolz ist, aber nicht wegen des Einzelhandelsangebots, sondern weil man sich dort wohlfühlt und gerne aufhält.  

Aber auch um dieses Ziel zu erreichen, muss die Innenstadt grundlegend neu gedacht und umgestaltet werden. Das aktuelle einfältige Grau, das die Straßen der City prägt, die verödeten Plätze und die ganz überwiegend einfallslose Architektur bewegt niemanden die Innenstadt anzusteuern. 

Die Erkenntnis für die Lokalpolitik 

Wer in Zukunft eine Innenstadt mit funktionierenden Einzelhandelsstrukturen erleben will, wird dagegen auch weiterhin 80 km nach Venlo oder in andere niederländische Städte fahren müssen. 

Für die Lokalpolitik bleibt die Erkenntnis, wer nicht gewillt ist von erfolgreichen Städten zu lernen und sich diese zum Vorbild zu nehmen, verliert. Auch reicht es nicht, wahllos irgendetwas zu tun. Negative Entwicklungen können nur aufgehalten und umgekehrt werden, wenn man rechtzeitig und mit der gebotenen Geschwindigkeit durchgreifend, gezielt, konsequent und schnell handelt.

Auch muss die Bereitschaft bestehen, Prioritäten grundlegend zu ändern. Die beschlossenen Maßnahmen müssen eine Tragweite besitzen, die sicherstellt, dass sie auch die gewünschte Wirkung haben. Halbherzige Alibimaßnahmen und Aktionismus, der bloß vorspielt, dass man was tut, führen zu nichts. Dafür Geld auszugeben kann man sich schenken. 

29 Aug.

Wattenscheid: Eine Stadt wird zum Synonym für Niedergang

Marxloh, Altenessen, Dortmunder Nordstadt, Gelsenkirchen, Wattenscheid, das sind in Deutschland Synonyme für Städte und Stadteile, die abgehängt, verarmt sowie heruntergekommen sind und keine Zukunftsperspektive haben. Wie konnte es bei Wattenscheid so weit kommen?

Dass eine Stadt oder ein Stadtviertel abgehängt ist, lässt sich leicht an ihrem Aussehen erkennen. Es sieht im Wesentlichen immer noch aus wie in den 70er und 80er Jahren. Von zeitgemäßer Stadtgestaltung oder Stadtentwicklung keine Spur. Merkmale für eine moderne Stadtentwicklung wie belebte Plätze, schick renovierte Fassaden, einladend gestaltete Straßen und Fußgängerzonen sowie ein flächendeckendes Radwegenetz fehlen. Dafür werden Gehwege, Kreuzungen und Straßen wahllos mit Autos zugeparkt, Straßen wurden seit Jahrzehnten nicht saniert, Bäume fehlen, trostlose Gestaltung, Ödnis, Schmierereien und illegales Müllabladen sind ein sichtbares Problem. 

Weshalb es abwärts ging 

Unter diesen Umständen ziehen jene weg oder erst gar nicht him, die Wert legen auf eine gute Stadtgestaltung, eine hohe Aufenthaltsqualität, ein ansprechendes und gepflegtes Stadtbild. Es kommt zu Leerständen. Dadurch fehlen Mieteinnahmen, um Gebäude ordnungsgemäß Instand zu halten und zu modernisieren. Ganze Straßenzüge kommen herunter und sehen entsprechend aus. Menschen ziehen weg, Geschäfte und Unternehmen ebenfalls. Es entstehen weitere Leerstände und Lücken. Können diese nicht gefüllt werden, kommt es zu Abriss wie in Gelsenkirchen oder Duisburg. 

In Häuser mit sichtbarem Sanierungsstau ziehen nur noch jene, für die eine möglichst geringe Miete wichtig ist und die sich einen hohen Anspruch an Stadtgestaltung, Aufenthaltsqualität und Stadtbild nicht leisten können. Der Anteil der Menschen, mit migrantischen Wurzeln steigt. Sie können sich teuren Wohnraum oft nicht leisten. Wer aus Ländern kommt, die durch Bürgerkrieg und wirtschaftlichen Niedergang geprägt sind, kann sich zudem mit einem wenig ansprechenden Stadtbild eher abfinden.  

Viele Leerstände und Lücken werden durch Zugewanderte gefüllt. Entsprechend nimmt auch die Zahl von Unternehmen zu, die Waren und gastronomische Angebote aus anderen Kulturkreisen anbieten. Wo sich niemand anderes findet, macht der Barbershop auf, der Döner-Imbiss, der Falafel-Shop, der arabische Supermarkt, der Halal-Metzger oder das Goldgeschäft. 

Ohne diese Nutzungen stünden noch viel mehr Geschäfte leer, würden noch mehr Gebäude herunterkommen und wären die Städte und Stadtteile noch trostloser. 

Der Zuzug von vielen zugewanderten Menschen ist also nicht die Ursache des eigentlichen Problems, sondern die Folge. Zunächst wird der Stadtteil vernachlässigt, kommt herunter, verliert den Anschluss an eine zeitgemäße Stadtentwicklung, Dadurch ziehen die Menschen weg, deren Ansprüche nicht mehr erfüllt werden, Lücken entstehen, diese werden von Zugewanderten gefüllt.  

Stadtstruktur aus den 80ern trifft auf Einkaufsverhalten aus 2026 

Es kommt zu einer zunehmenden sozialen Schieflage (Während Wattenscheid-Mitte den Bach runter geht, diskutiert die Politik über Sitzfarben im Stadion). Der Anteil der Menschen, deren Leben von Armut, schwierigen sozialen Bedingungen und geringen Perspektiven geprägt ist, nimmt stark zu, während die Zahl der Menschen aus der klassischen Mittelschicht abnimmt. 

Sozialdaten WAT-Mitte, Vergleich 2010 zu 2024

Die immer wieder geäußerten Annahmen, dass die Zugewanderten das Stadtbild negativ prägen würden, ist also ebenso falsch wie die Aussage, in Wattenscheid würde es „nie wieder so aussehen wie in den 70er-, 80er-Jahren“ (Dennis Radtke, CDU), denn baulich sieht es in der Fußgängerzone in Wattenscheid-Mitte leider immer noch so aus wie in den 80iger Jahren. Das Fehlen einer zeitgemäßen Stadtentwicklung hat erst zu den massiven Problemen geführt.

Die letzte große bauliche Veränderung datiert auf Ende der 80er-Jahre. Sie wurde Anfang der 90er-Jahre mit der „Neugestaltung“ des Rosenviertels abgeschlossen. Die ging leider komplett daneben. Statt einem Juwel entstand eine architektonische Vollkatastrophe. Die überzogene und verblendete Jubel-Berichterstattung der WAZ von damals löst aus heutiger Sicht Fremdschämen aus:

WAZ-Berichterstattung zur „Neugestaltung“ des Rosenviertels

So trifft in Wattenscheid-Mitte heute eine seit fast 40 Jahren praktisch unveränderte Stadtstruktur auf ein völlig verändertes Einkaufsverhalten und grundlegend andere Strukturen im Einzelhandel. Der Unwille die Innenstadt zeitgemäß zu entwickeln und sie den sich ändernden Gegebenheiten anzupassen, stellt die zentrale Ursache der sichtbaren und anhaltenden Negativentwicklung dar. 

Aversion gegen Veränderungen – die Gründe 

Die Aversion gegen Veränderungen hat in Wattenscheid wiederum vier Ursachen: 

Desinteresse der Lokalpolitik – Die Politik ist nicht ernsthaft an substanziellen Veränderungen bei der Stadtgestaltung interessiert. Allenfalls mit der Gießkanne werden strukturelle Veränderungen angegangen (Fördermittel versiegen – Keine Hoffnung für Wattenscheid, Hamme, Laer, Werne/LA und Innenstadt), die verpuffen dann wie Tropfen auf einem heißen Stein. Eine zeitgemäße Gestaltung und ein Entwicklungskonzept für die Wattenscheider Innenstadt war und ist in der Bochumer Politik bisher nie wirklich Thema gewesen. Nie hat man es in Erwägung gezogen, die dafür nötigen Gelder bereit zu stellen. 

Das Geld wird viel lieber für städtische Prestigeprojekte ausgegeben, wie Musikforum, Lohrheidestadion, Ruhrstadion oder eine neue Großsporthalle. Eine positive Entwicklung der Stadtteile hat dagegen kaum einen Stellenwert. Die lokale Politik ist süchtig nach Lob und Anerkennung von Sportfunktionären, Kulturfunktionärinnen, Spitzensportlern wie Sportlerinnen, Kulturschaffenden und der höherrangigen Politik für tolle Sport- und Kulturstätten. Dass die sie nicht wählen, wird dabei geflissentlich übersehen. 

Nur in Wattenscheid weiß man, was für die Stadt gut ist – Das Credo in Wattenscheid lautet bisher, nur die Wattenscheider und Wattenscheiderinnen wüssten, was für die Stadt gut sei, andere sollten sich doch bitte raushalten und sich nicht einmischen. Eine fatale Fehleinschätzung wie man heute sieht. 

Nach der Eingemeindung wurde jeder Vorschlag und jede Idee aus Bochum bereits aus Prinzip als unsinnig und unnütz für Wattenscheid abgelehnt. Krampfhaft wollte man an dem Wattescheid-Bild vor dem Anschluss an Bochum festhalten. Kategorisch lehnte man jede grundlegende Veränderung ab, weil diese mit einem Verlust des alten in der Erinnerung der Menschen so erfolgreichen Wattescheids einhergehen würde.  

Lernen von anderen Städten wird abgelehnt – Die Bochumer und Wattenscheider Lokalpolitik bestimmt eine bedenkliche Einstellung. Man weigert sich, von erfolgreichen Städten zu lernen, sich diese zum Vorbild zu nehmen und in anderen Städten funktionierende Maßnahmen und Konzepte zu übernehmen. So durchliefen alle heute erfolgreichen Innenstädte in den letzten 40 Jahren einen durchgreifenden Wandel. Die Stadtgestaltung wurde verbessert, lebendige Plätze geschaffen, die Fassaden der Gebäude renoviert, der Autoverkehr deutlich verringert, eine gute Erreichbarkeit auch mit OPNV, Rad und zu Fuß sichergestellt.  

Nichts dergleichen gab es in Wattenscheid. Man war der Meinung, man müsse nicht mit der Zeit gehen. Wie andere Städte sich weiter entwickelten und sich zukunftsfähig aufstellten, sei für Wattenscheid ohne Relevanz. Ein paar neue Bänke, Plakatsäulen, frische Mülleimer und den August-Bebel-Platz ein bisschen aufhübschen (Nein zur Neugestaltung des August-Bebel-Platzes ist Bekenntnis zur Trost- und Ideenlosigkeit), mehr sei in Wattenscheid nicht erforderlich.

Also wurde der Abstand zu erfolgreichen Städten immer größer, die Rückständigkeit immer offensichtlicher. Bis schließlich Wattenscheid deutschlandweit zum Synonym für eine abgehängte Stadt wurde. 

Das Schönreden der Politik – Lange tat die Lokalpolitik so, als sei die Lage in Wattenscheid gar nicht so schlimm. Wattenscheid hätte doch die beste Stadionwurst Deutschlands, einen netten Stadtgarten, ein eigenes Nummernschild und das Weinfest. Politikerinnen und Politiker wollten Wattenscheidern und Wattenscheiderinnen nicht vor den Kopf stoßen und nicht zugeben, dass man mit der Vernachlässigung von Wattenscheid einen kritikwürdigen Zustand geschaffen hatte. Man redete sich weiter ein, alles sei gar nicht so schlecht und woanders auch scheiße und ließ den Dingen ungebremst ihren Lauf. 

Als das Schönreden nicht mehr wirkte 

Doch irgendwann kommt immer der Punkt, an dem sich die Realitäten nicht mehr schönreden lassen. Dieser Zeitpunkt kam am 20.08.2026 als der Europaabgeordnete der CDU, Dennis Radkte bei Markus Lanz über Wattenscheid Klartext redete (Markus Lanz vom 20.08.2026). Seitdem diskutieren die Medien der Republik darüber, was in Wattenscheid im Argen liegt. Jede und jeder in Deutschland sieht, dass in Wattenscheid schon vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, einiges hätte anders laufen müssen. Fragen über Fragen werden gestellt: Warum hat die Lokalpolitik nicht gehandelt? Wieso sieht es in Wattenscheid immer noch so aus wie in den 80ern? Warum hat man sich um eine zeitgemäße Gestaltung nicht gekümmert? Wie konnte es zu diesen Zuständen kommen? Warum tat die Politik nicht das Nötige, um die zunehmende soziale Schieflage zu verhindern? 

Der Name „Wattenscheid“ steht für die Vernachlässigung einer Stadt, das Versagen der Lokalpolitik, die die Probleme ignoriert hat und nicht bereit war, rechtzeitig in der gebotenen Weise zu handeln. Das Image von Wattenscheid ist endgültig ruiniert. Wattenscheid ist zum Negativbeispiel geworden: So sollte eine Stadt oder ein Stadtteil nicht aussehen, zu Zuständen wie in Wattenscheid darf es nicht kommen.    

Die negative Aufmerksamkeit verschlimmert die Lage, denn ist das Image einer Stadt erstmal dahin, interessieren sich erst recht kaum mehr Menschen oder Unternehmen für die Stadt. Doch trotz der unheilvollen Berichterstattung in den letzten Wochen ist von einer Einsicht, jetzt müsse die Stadt in Wattenscheid sich endlich den Problemen konsequent annehmen, in der Lokalpolitik nichts zu hören. Es scheint so, als wolle man die Probleme weiter aussitzen. Auch der drohende Machtverlust an die Rechtspopulisten scheint bisher kein Umdenken zu bewirken. 

Der Verfall des Rufes von Wattenscheid sollte aufrütteln, eine Kehrtwende und radikale Veränderungen bewirken. Doch bisher sieht es nicht danach aus. 

14 Mai

Nein zur Neugestaltung des August-Bebel-Platzes ist Bekenntnis zur Trost- und Ideenlosigkeit 

Die Bezirksvertretung Wattenscheid will sich gegen eine zeitgemäße Gestaltung des ABP aussprechen. Die dafür veranschlagten 19 Mio. werden dann voraussichtlich nicht in WAT-Mitte, sondern in Bochum investiert. Warum will Wattenscheid unbedingt den Wettbewerb „Scheußlichster Platz Europas“ gewinnen und das negative Image vertiefen?  

Der erste Eindruck zählt, sagt man. Und wer nach Wattenscheid kommt, sieht regelmäßig als erstes den August-Bebel-Platz (ABP), hat genug gesehen und will gleich wieder weg. Eigentlich ist der Platz auch kein Platz, sondern nur eine überdimensionierte deprimierend trostlose grauasphaltierte Kreuzung.  

Die Abschreckende Wirkung des August-Bebel-Platzes 

Sind städtische Plätze sonst in Europa zentrale Elemente der Stadtgestaltung, die maßgeblich zur Lebensqualität beitragen, der Identifikation, als Treffpunkt und Mittelpunkt städtischen Lebens dienen, ist für zu viele Menschen in Wattenscheid ein Platz nicht mehr als ein Durchgangsort. Und der muss nur eine Qualität besitzen, man muss ihn möglichst schnell mit dem Auto überqueren und sein Auto drauf abstellen können. Weitergehende Ansprüche z.B. an Gestaltung oder Aufenthaltsqualität bestehen nicht.  

Allerdings prägt kein Platz das Zentrum von Wattenscheid so wie der August-Bebel-Platz. Er ist der zentrale Kontenpunkt und das Entrée zur Innenstadt. Der Eingangsbereich einer Stadt sollte deren Visitenkarte sein. Er soll Menschen einladen, neugierig machen und anlocken. Doch der ABP ist nicht einladend. Er stößt Menschen ab. Denn er ist leider genau so wenig vorzeigbar, wie der Rest dessen, was vor Jahren mal als City von Wattenscheid galt.  

In der Stadtplanung gilt: „Ist es einem unangenehm oder gar peinlich den Menschen, die einen besuchen, das Stadtzentrum zu zeigen, dann ist dies das untrügliche Zeichen, dass die Innenstadt tot ist“. Diesen Zustand hat das Wattenscheider Stadtzentrum leider schon vor einigen Jahrzehnten erreicht. Die Innenstadt ist nicht mehr vorzeigbar.   

Für Außenstehende hat es den Anschein, als wolle man mit dem missgestalteten August-Bebel-Platz, Besucher, Besucherinnen und Investoren, die überlegen könnten in Wattenscheid ein Geschäft oder eine Gastronomie zu eröffnen, gezielt abschrecken und vertreiben. Das Aussehen des ABP ist ein unmissverständliches Statement an alle, die kommen könnten: „Bleibt weg, wir wollen euch hier nicht!“ 

Wer ist für das Scheitern des Projekts verantwortlich?  

Nun stellt sich die Frage, wer ist dafür verantwortlich, dass die zeitgemäße Neugestaltung des August-Bebel-Platzes voraussichtlich scheitern wird: 

Verwaltung und BOGESTRA – Die von der Verwaltung nunmehr vorgelegte „verbesserte“ Planung (Vorlage 20261133) weist weiterhin ein wesentliches Defizit aus: Straßenbahnen- und Busse sollen auf zwei Gleisen und vier Fahrspuren mit vier Haltestellenplattformen den Platz diagonal queren und zerteilen ihn damit in zwei Hälften. Die Barrierewirkung der überdimensionierten ÖPNV-Achse und deren übermäßiger Platzbedarf zerstören jede Platzwirkung.  

Zwar hatten sich die beiden Siegerentwürfe des Wettbewerbs zur Gestaltung des Platzes um Lösungen dieses Problems bemüht (Ergebnisse Realisierungswettbewerb) – beide verfolgten das, die Zahl der Gleise und Fahrspuren sowie Halteplattformen auf nur noch je zwei zu reduzieren – doch Verwaltung und BOGESTRA lehnten die Vorschläge kategorisch ab. Die vorgeschlagene Kreuzung der Buslinien von der rechten Fahrbahn auf die linke Seite und von der linken Fahrbahn auf die rechte Seite der jeweiligen Haltstellenplattform wollten BOGESTRA und Verwaltung aus Prinzip ebenso wenig, wie die Verlegung der Straßenbahngleise nach außen und der Busfahrspuren nach innen zwischen die beiden Haltestellenplattformen (Vorschlag STADTGESTALTER). 

Warum eine Verlegung der Gleise nicht möglich ist, konnten BOGESTRA und Verwaltung bis heute nicht erklären. Beide verweigern bis heute die Beantwortung der entsprechenden Anfrage der STADTGESTALTER (Vorlage 20251696). Diese wurde trotz mehrfacher Nachfrage bis heute nicht beantwortet. Angeblich sei für die Verlegung der Gleise ein Planfeststellungsverfahren notwendig. Aber selbst wenn Verwaltung und BOGESTRA dieser Ansicht sein sollten, fragt sich, warum es die Stadt in 13 Jahren Planung nicht hinbekommen hat, ein solches Verfahren durchzuführen. 

Dass im Laufe des Planungsverfahrens sowohl das Planungsbüro, das den Siegerentwurf vorgelegt hatte, sowie das zugehörige Verkehrsplanungsbüro nicht mit der Stadt zusammenarbeiten wollten, lässt tief blicken.  

Je mehr Jahre die Planungen der Stadt dauerten, um so schlechter wurden die Planungsentwürfe. Der 2025 vorgelegte Entwurf der Verwaltung war ein Totalausfall (August-Bebel-Platz – Ein Plan für die Tonne). 

Nie hatte man in den 13 Jahren Platzplanung den Eindruck, dass die Verwaltung wirklich an einer guten Planung interessiert war. Für jeden Planungsschritt brauchte die Stadt unangemessen viel Zeit. Nur zu Verbesserungen der Planungen führte das nicht. Erkennbar gab man sich wenig Mühe, die Planungen voranzutreiben und überzeugende Lösungen zu finden. Die Planungsentwürfe dokumentieren, der Anspruch an gute Stadtgestaltung war und ist gering. Das Motto schien zu sein, eigentlich ist egal, was aufgezeichnet und geplant wird, die Politik in Wattenscheid will es doch sowieso nicht. 

Lokalpolitik – Denn in Wattenscheid weiß die Politik bis heute immer nur, was sie nicht will. Eigene Vorschläge, wie der Platz gestaltet werden könnte, haben die politischen Gruppierungen der Bezirksvertretung nie entwickelt. Ein Anforderungskatalog, welche Kriterien der neue Platz erfüllen solle, wurden nie formuliert. Ein Plan, wie die Wattenscheider Innenstadt insgesamt saniert und für die Zukunft aufgestellt werden könnte, gibt es nicht. Alle Vorstöße dazu wurden immer wieder abgebügelt. 

Der Wunsch war und ist, es solle sich möglichst nichts ändern, aber alles grundlegend besser werden. Konstruktiv war das Verhalten der Wattenscheider Politik nie und die Ablehnung der vorliegenden Planung wird es auch nicht sein. 

Der Niedergang des Stadtzentrums von Wattenscheid kommt nicht von ungefähr. Er ist das Ergebnis dieser politischen Haltung, die seit Jahrzehnten jede zeitgemäße Neuausrichtung des Stadtzentrums verhindert. An einer positiven Entwicklung der Innenstadt zeigte man sich immer wieder desinteressiert. Stattdessen haben die Bezirksvertreter und -vertreterinnen das Thema der Sitzfarben im Stadion, exzessiv diskutiert (Während Wattenscheid-Mitte den Bach runter geht, diskutiert die Politik über Sitzfarben im Stadion). Auch bei den Investitionen, waren andere Dinge wichtiger. So wurden 2023 fast 5,5 Mio., die eigentlich für die Stadterneuerung von Wattenscheid vorgesehen waren, für die Sanierung des Lohrheidestadions zweckentfremdet (Stadterneuerungsprojekt “Modernisierung und Umbau des Lohrheidestadions).  

Im Bochumer Stadtrat hat man Wattenscheid längst abgehakt und aufgegeben. Es besteht auch in der SPD im Rat kein Anspruch mehr, den Stadtteil “zu retten”, also die negative Entwicklung aufzuhalten. Man ist der beständigen Erklärungen aus Wattenscheid, was man mal wieder warum nicht will, überdrüssig. Die destruktive Politik in der Bezirksvertretung in Wattenscheid hat auch bei den Ratsmitgliedern in Bochum tiefe Spuren hinterlassen.  

Die Aufgabe des Projekts August-Bebel-Platz im Stadtrat wäre gleichbedeutend mit der Aufgabe des ganzen Stadtteils. Wenn die SPD im Rat erklärt, sie würde dem Votum der Bezirksvertretung in Wattenscheid zu den Platzplanungen folgen, dann steht dahinter die Aussage “Dann macht euren Kram doch alleine, aber belästigt uns bitte nicht weiter.” 

Die Folgen für Wattenscheid 

Die Aufgabe des Projekts Neugestaltung des August-Bebel-Platz wird für Wattenscheid schwerwiegende Folgen haben: 

  • Das ISEK-Programm Wattenscheid ist mit Aufgabe des zentralen Projekts tot und wird nicht ernsthaft weiterverfolgt werden. Damit gibt es keine Grundlage mehr für weitere Stadterneuerungsprojekte in Wattenscheid. Die Möglichkeit, Fördermittel vom Land zu erhalten, entfällt. 
  • Die bereits zugesagten 19 Mio. Fördergelder und städtische Mittel (15 + 4 Mio. Euro) werden an andere ISEK-Gebiete fließen. Mit dem Geld wird die Stadt z.B. den Amtsplatz in Hamme neugestalten und/oder den Hans-Ehrenberg-Platz im Rahmen des ISEKs Innenstadt. Diese Stadtteile werden sich freuen. 
  • Dem Anspruch des Stadtzentrums von Wattenscheid, zweite Innenstadt auf dem Stadtgebiet Bochums zu sein, wird die Grundlage entzogen. Die Einstufung wird den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechend zu ändern sein. Das Zentrum von Wattenscheid wird zum Stadtteilzentrum herabgestuft. Dann steht es auf einer Stufe mit den Zentren von Stadtteilen wie Hamme, Gerthe, Werne, Riemke oder Linden. 
  • Das Ziel, die negative Entwicklung des Stadtzentrums von Wattenscheid aufzuhalten, wird aufgegeben. Die Schrumpfung der Innenstadt zu einem geringerwertigen Stadtteilzentrum wird hingenommen, Wattenscheid-Mitte sich selbst überlassen. 

Mit der Aufgabe des Projekts August-Bebel-Platz wird auch die Zukunft von WAT-Mitte beerdigt. Die lauten Stimmen aus Wattenscheid, die sich immer wieder gegen eine zeitgemäße Entwicklung und Gestaltung von Wattenscheid und jede grundlegende Veränderung ausgesprochen sowie sich jede Einmischung aus Bochum verbeten haben, haben ihr Ziel erreicht. 

Das Ziel, die negative Entwicklung von WAT-Mitte zu stoppen, wurde verfehlt. Das ISEK-Wattenscheid hatte keine Wirkung, wie sich auch aus den aktuellen Sozialdaten entnehmen lässt. 

Sozialdaten WAT-Mitte, Vergleich 2010 zu 2024

Diejenigen, die es sich leisten können, werden vermehrt aus WAT-Mitte wegziehen, es werden primär weiter jene kommen, deren Geldbeutel keine hohen Ansprüche an Stadtbild, Stadtgestaltung und Wohn- und Lebensqualität zulassen. Die soziale Schieflage wird weiter zunehmen, die Arbeitslosigkeit steigen, ebenso wie der Anteil der Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Die negative Entwicklung wird sich unaufhaltsam fortsetzen. 

In wenigen Jahren wird man ungläubig den Kopf schütteln, wie es passieren konnte, dass eine unfähige Politik die Zukunft eines ganzen Stadtteils dem Begehren opfern konnte, unbedingt mit dem privaten Auto quer über einen scheußlichen Platz fahren zu können.