29 Aug.

Wattenscheid: Eine Stadt wird zum Synonym für Niedergang

Marxloh, Altenessen, Dortmunder Nordstadt, Gelsenkirchen, Wattenscheid, das sind in Deutschland Synonyme für Städte und Stadteile, die abgehängt, verarmt sowie heruntergekommen sind und keine Zukunftsperspektive haben. Wie konnte es bei Wattenscheid so weit kommen?

Dass eine Stadt oder ein Stadtviertel abgehängt ist, lässt sich leicht an ihrem Aussehen erkennen. Es sieht im Wesentlichen immer noch aus wie in den 70er und 80er Jahren. Von zeitgemäßer Stadtgestaltung oder Stadtentwicklung keine Spur. Merkmale für eine moderne Stadtentwicklung wie belebte Plätze, schick renovierte Fassaden, einladend gestaltete Straßen und Fußgängerzonen sowie ein flächendeckendes Radwegenetz fehlen. Dafür werden Gehwege, Kreuzungen und Straßen wahllos mit Autos zugeparkt, Straßen wurden seit Jahrzehnten nicht saniert, Bäume fehlen, trostlose Gestaltung, Ödnis, Schmierereien und illegales Müllabladen sind ein sichtbares Problem. 

Weshalb es abwärts ging 

Unter diesen Umständen ziehen jene weg oder erst gar nicht him, die Wert legen auf eine gute Stadtgestaltung, eine hohe Aufenthaltsqualität, ein ansprechendes und gepflegtes Stadtbild. Es kommt zu Leerständen. Dadurch fehlen Mieteinnahmen, um Gebäude ordnungsgemäß Instand zu halten und zu modernisieren. Ganze Straßenzüge kommen herunter und sehen entsprechend aus. Menschen ziehen weg, Geschäfte und Unternehmen ebenfalls. Es entstehen weitere Leerstände und Lücken. Können diese nicht gefüllt werden, kommt es zu Abriss wie in Gelsenkirchen oder Duisburg. 

In Häuser mit sichtbarem Sanierungsstau ziehen nur noch jene, für die eine möglichst geringe Miete wichtig ist und die sich einen hohen Anspruch an Stadtgestaltung, Aufenthaltsqualität und Stadtbild nicht leisten können. Der Anteil der Menschen, mit migrantischen Wurzeln steigt. Sie können sich teuren Wohnraum oft nicht leisten. Wer aus Ländern kommt, die durch Bürgerkrieg und wirtschaftlichen Niedergang geprägt sind, kann sich zudem mit einem wenig ansprechenden Stadtbild eher abfinden.  

Viele Leerstände und Lücken werden durch Zugewanderte gefüllt. Entsprechend nimmt auch die Zahl von Unternehmen zu, die Waren und gastronomische Angebote aus anderen Kulturkreisen anbieten. Wo sich niemand anderes findet, macht der Barbershop auf, der Döner-Imbiss, der Falafel-Shop, der arabische Supermarkt, der Halal-Metzger oder das Goldgeschäft. 

Ohne diese Nutzungen stünden noch viel mehr Geschäfte leer, würden noch mehr Gebäude herunterkommen und wären die Städte und Stadtteile noch trostloser. 

Der Zuzug von vielen zugewanderten Menschen ist also nicht die Ursache des eigentlichen Problems, sondern die Folge. Zunächst wird der Stadtteil vernachlässigt, kommt herunter, verliert den Anschluss an eine zeitgemäße Stadtentwicklung, Dadurch ziehen die Menschen weg, deren Ansprüche nicht mehr erfüllt werden, Lücken entstehen, diese werden von Zugewanderten gefüllt.  

Stadtstruktur aus den 80ern trifft auf Einkaufsverhalten aus 2026 

Es kommt zu einer zunehmenden sozialen Schieflage (Während Wattenscheid-Mitte den Bach runter geht, diskutiert die Politik über Sitzfarben im Stadion). Der Anteil der Menschen, deren Leben von Armut, schwierigen sozialen Bedingungen und geringen Perspektiven geprägt ist, nimmt stark zu, während die Zahl der Menschen aus der klassischen Mittelschicht abnimmt. 

Sozialdaten WAT-Mitte, Vergleich 2010 zu 2024

Die immer wieder geäußerten Annahmen, dass die Zugewanderten das Stadtbild negativ prägen würden, ist also ebenso falsch wie die Aussage, in Wattenscheid würde es „nie wieder so aussehen wie in den 70er-, 80er-Jahren“ (Dennis Radtke, CDU), denn baulich sieht es in der Fußgängerzone in Wattenscheid-Mitte leider immer noch so aus wie in den 80iger Jahren. Das Fehlen einer zeitgemäßen Stadtentwicklung hat erst zu den massiven Problemen geführt.

Die letzte große bauliche Veränderung datiert auf Ende der 80er-Jahre. Sie wurde Anfang der 90er-Jahre mit der „Neugestaltung“ des Rosenviertels abgeschlossen. Die ging leider komplett daneben. Statt einem Juwel entstand eine architektonische Vollkatastrophe. Die überzogene und verblendete Jubel-Berichterstattung der WAZ von damals löst aus heutiger Sicht Fremdschämen aus:

WAZ-Berichterstattung zur „Neugestaltung“ des Rosenviertels

So trifft in Wattenscheid-Mitte heute eine seit fast 40 Jahren praktisch unveränderte Stadtstruktur auf ein völlig verändertes Einkaufsverhalten und grundlegend andere Strukturen im Einzelhandel. Der Unwille die Innenstadt zeitgemäß zu entwickeln und sie den sich ändernden Gegebenheiten anzupassen, stellt die zentrale Ursache der sichtbaren und anhaltenden Negativentwicklung dar. 

Aversion gegen Veränderungen – die Gründe 

Die Aversion gegen Veränderungen hat in Wattenscheid wiederum vier Ursachen: 

Desinteresse der Lokalpolitik – Die Politik ist nicht ernsthaft an substanziellen Veränderungen bei der Stadtgestaltung interessiert. Allenfalls mit der Gießkanne werden strukturelle Veränderungen angegangen (Fördermittel versiegen – Keine Hoffnung für Wattenscheid, Hamme, Laer, Werne/LA und Innenstadt), die verpuffen dann wie Tropfen auf einem heißen Stein. Eine zeitgemäße Gestaltung und ein Entwicklungskonzept für die Wattenscheider Innenstadt war und ist in der Bochumer Politik bisher nie wirklich Thema gewesen. Nie hat man es in Erwägung gezogen, die dafür nötigen Gelder bereit zu stellen. 

Das Geld wird viel lieber für städtische Prestigeprojekte ausgegeben, wie Musikforum, Lohrheidestadion, Ruhrstadion oder eine neue Großsporthalle. Eine positive Entwicklung der Stadtteile hat dagegen kaum einen Stellenwert. Die lokale Politik ist süchtig nach Lob und Anerkennung von Sportfunktionären, Kulturfunktionärinnen, Spitzensportlern wie Sportlerinnen, Kulturschaffenden und der höherrangigen Politik für tolle Sport- und Kulturstätten. Dass die sie nicht wählen, wird dabei geflissentlich übersehen. 

Nur in Wattenscheid weiß man, was für die Stadt gut ist – Das Credo in Wattenscheid lautet bisher, nur die Wattenscheider und Wattenscheiderinnen wüssten, was für die Stadt gut sei, andere sollten sich doch bitte raushalten und sich nicht einmischen. Eine fatale Fehleinschätzung wie man heute sieht. 

Nach der Eingemeindung wurde jeder Vorschlag und jede Idee aus Bochum bereits aus Prinzip als unsinnig und unnütz für Wattenscheid abgelehnt. Krampfhaft wollte man an dem Wattescheid-Bild vor dem Anschluss an Bochum festhalten. Kategorisch lehnte man jede grundlegende Veränderung ab, weil diese mit einem Verlust des alten in der Erinnerung der Menschen so erfolgreichen Wattescheids einhergehen würde.  

Lernen von anderen Städten wird abgelehnt – Die Bochumer und Wattenscheider Lokalpolitik bestimmt eine bedenkliche Einstellung. Man weigert sich, von erfolgreichen Städten zu lernen, sich diese zum Vorbild zu nehmen und in anderen Städten funktionierende Maßnahmen und Konzepte zu übernehmen. So durchliefen alle heute erfolgreichen Innenstädte in den letzten 40 Jahren einen durchgreifenden Wandel. Die Stadtgestaltung wurde verbessert, lebendige Plätze geschaffen, die Fassaden der Gebäude renoviert, der Autoverkehr deutlich verringert, eine gute Erreichbarkeit auch mit OPNV, Rad und zu Fuß sichergestellt.  

Nichts dergleichen gab es in Wattenscheid. Man war der Meinung, man müsse nicht mit der Zeit gehen. Wie andere Städte sich weiter entwickelten und sich zukunftsfähig aufstellten, sei für Wattenscheid ohne Relevanz. Ein paar neue Bänke, Plakatsäulen, frische Mülleimer und den August-Bebel-Platz ein bisschen aufhübschen (Nein zur Neugestaltung des August-Bebel-Platzes ist Bekenntnis zur Trost- und Ideenlosigkeit), mehr sei in Wattenscheid nicht erforderlich.

Also wurde der Abstand zu erfolgreichen Städten immer größer, die Rückständigkeit immer offensichtlicher. Bis schließlich Wattenscheid deutschlandweit zum Synonym für eine abgehängte Stadt wurde. 

Das Schönreden der Politik – Lange tat die Lokalpolitik so, als sei die Lage in Wattenscheid gar nicht so schlimm. Wattenscheid hätte doch die beste Stadionwurst Deutschlands, einen netten Stadtgarten, ein eigenes Nummernschild und das Weinfest. Politikerinnen und Politiker wollten Wattenscheidern und Wattenscheiderinnen nicht vor den Kopf stoßen und nicht zugeben, dass man mit der Vernachlässigung von Wattenscheid einen kritikwürdigen Zustand geschaffen hatte. Man redete sich weiter ein, alles sei gar nicht so schlecht und woanders auch scheiße und ließ den Dingen ungebremst ihren Lauf. 

Als das Schönreden nicht mehr wirkte 

Doch irgendwann kommt immer der Punkt, an dem sich die Realitäten nicht mehr schönreden lassen. Dieser Zeitpunkt kam am 20.08.2026 als der Europaabgeordnete der CDU, Dennis Radkte bei Markus Lanz über Wattenscheid Klartext redete (Markus Lanz vom 20.08.2026). Seitdem diskutieren die Medien der Republik darüber, was in Wattenscheid im Argen liegt. Jede und jeder in Deutschland sieht, dass in Wattenscheid schon vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, einiges hätte anders laufen müssen. Fragen über Fragen werden gestellt: Warum hat die Lokalpolitik nicht gehandelt? Wieso sieht es in Wattenscheid immer noch so aus wie in den 80ern? Warum hat man sich um eine zeitgemäße Gestaltung nicht gekümmert? Wie konnte es zu diesen Zuständen kommen? Warum tat die Politik nicht das Nötige, um die zunehmende soziale Schieflage zu verhindern? 

Der Name „Wattenscheid“ steht für die Vernachlässigung einer Stadt, das Versagen der Lokalpolitik, die die Probleme ignoriert hat und nicht bereit war, rechtzeitig in der gebotenen Weise zu handeln. Das Image von Wattenscheid ist endgültig ruiniert. Wattenscheid ist zum Negativbeispiel geworden: So sollte eine Stadt oder ein Stadtteil nicht aussehen, zu Zuständen wie in Wattenscheid darf es nicht kommen.    

Die negative Aufmerksamkeit verschlimmert die Lage, denn ist das Image einer Stadt erstmal dahin, interessieren sich erst recht kaum mehr Menschen oder Unternehmen für die Stadt. Doch trotz der unheilvollen Berichterstattung in den letzten Wochen ist von einer Einsicht, jetzt müsse die Stadt in Wattenscheid sich endlich den Problemen konsequent annehmen, in der Lokalpolitik nichts zu hören. Es scheint so, als wolle man die Probleme weiter aussitzen. Auch der drohende Machtverlust an die Rechtspopulisten scheint bisher kein Umdenken zu bewirken. 

Der Verfall des Rufes von Wattenscheid sollte aufrütteln, eine Kehrtwende und radikale Veränderungen bewirken. Doch bisher sieht es nicht danach aus. 

08 Juni

Von anderen Städten lernen, gute Lösungen übernehmen

Bochum versucht als Universitätsstadt in vielen Bereichen zu den führenden Großstädten des Landes aufzuschließen. Besonders in Sachen Lebensqualität, Wirtschafts- und Stadtentwicklung oder auch bei modernem Verkehr. In vielen Bereichen kann die Stadt von anderen Städten lernen.

Sich Ideen von anderen Städten abschauen

Wie im normalen Leben, schauen sich auch Städte Dinge von anderen ab. Man muss keine Sachen neu erfinden, wenn es in anderen Städten schon Lösungen gibt, die zeigen wie man Probleme erfolgreich lösen kann. Hängen in anderen Städten Blumenampeln an Laternen, dann ist es auch bei uns möglich auf diese Weise Straßen grüner, schöner und lebenswerter zu machen.

Mal geht es um kleinere Dinge, die man sich abschauen kann, manchmal um größere und komplexere. So kann man sich ebenfalls fragen, warum laufen die Innenstädte in manchen anderen Städten besser als bei uns. Schaut man sich dann gezielt die funktionierenden Innenstädte in anderen Städten an, findet man regelmäßig viele Dinge, die den Erfolg dieser Innenstädte ausmachen, die man dann auf Bochum übertragen kann: Mehr Spielplätze, urbane attraktive Plätze mit hoher Aufenthaltsqualität, bessere Erreichbarkeit zu Fuß oder mit dem Rad, mehr Grün, können da Beispiele sein.

In anderen Städten nach Ideen suchen

Um eine Stadt besser zu machen und voran zu bringen, ist es also sinnvoll, sich viele andere Städte anzuschauen und gezielt nach Dingen zu suchen, die man für Bochum übernehmen könnte. Auf diese Weise findet man auch Ideen für Dinge, bei denen man zunächst gar nicht gedacht hätte, dass es dafür auch bessere Lösungen gibt. So kann man in Skandinavien sehen und erleben, wie Stadtbüchereien ganz anders und viel besser organisiert werden können (Zukunftsweisende Neuausrichtung der Stadtbücherei). Auch Kreisverkehre gab es in Bochum lange nicht, bis die Stadt gesehen hat, wie gut diese bei richtigem Design und an geeigneter Kreuzung in anderen Städten funktionieren. Also baut auch Bochum immer mehr Kreisverkehre.