22 März

Das Tiny-Forest-Märchen, aber gefällte Bäume können nicht in der Stadt nachgepflanzt werden

Angeblich wurde in Wattenscheid ein Wald mit 5.000 Bäumen gepflanzt, gleichzeitig sagt die Stadt, die Ausgleichspflanzungen für in Bochum gefällte Bäume müssten im Münsterland oder Dortmund erfolgen, weil in der Stadt der Platz fehlt. Wie passt das zusammen?

Unter dem Titel “Eine Stadt pflanzt einen Wald: Gemeinsames Buddeln für „Tiny Forest“ in Wattenscheid” veranstaltete die Stadt Mitte März eine große Pflanzaktion, um auf dem Gelände des ehemaligen Betriebshof am Stadtgarten einen “Wald” anzulegen (PM Stadt Bochum vom 16.03.2026).

Die WAZ schreibt dazu “Hier bekommt Wattenscheid 5000 neue Bäume” (WAZ vom 15.03.25). Radio Bochum verkündet, es entstünde ein “ein kleiner dicht bepflanzter Stadtwald” (Radio Bochum 19.03.2025).

Irreführende Berichterstattung

Das Projekt und die Pflanzaktion, die eine Bürgerinitiative vorangetrieben hat und an der sich auch das Märkische Gymnasium, einige umweltbewegte Initiativen und nicht wenige Menschen aus Wattenscheid beteiligt haben, ist eigentlich eine tolle Sache. Doch der Eindruck, den die lokalen Medien erwecken, ist falsch.

Zum Einen wurden keine 5.000 Baume, sondern lediglich 5.000 Setzlinge gepflanzt. Auch wurde nicht die gesamte 6.000 qm große Fläche des ehemaligen Betriebshofs der Stadt am Stadtgarten in einen Mini-Wald umgewandelt. Tatsächlich besteht der Tiny-Forest aus drei Pflanzflächen, zwei winzigen (200 und 215 qm) und einer etwas größeren (1060 qm) im Süden des Geländes (siehe Planzeichnung, Stadt Bochum).

Planzeichnung Tiny-Forest-Flächen auf dem Gelände des ehem. Betriebshofs, Stadt Bochum

Die drei Flächen würde nach der Miyawaki-Methode bepflanzt (Wir machen Wälder). Dabei werden viele Setzlinge in den Boden gesetzt (3-4 pro qm), aus denen dann eine viel kleinere Anzahl Bäume heranwächst. Nach 2-3 Jahren, am Ende der Stabilisierungsphase, soll es noch 0,5 bis 2,5 Bäume pro Quadratmeter geben. Nach 20-30 Jahren werden es noch 0,2 bis 0,8 pro qm sein. Dann stehen auf den 1500 qm am Stadtgarten noch 300 bis 1.000 Bäume. mit zunehmendem Alter des Waldes werden es immer weniger. In einem natürlichen Laubwald stehen nur 0,08 bis 0,2 Bäume pro Quadratmeter.

Schaut man sich die Waldflächen im Vergleich zum bestehenden Baumbestand an, dann überspannen bereits die Kronen von zwei bestehenden Bäumen eine der kleinen Tiny-Forest-Flächen (siehe Ausschnitt Planzeichnung Stadt Bochum). Geht man von der Größe der bestehenden Bäume aus, fänden auf den Tiny-Forest-Flächen 20-25 ausgewachsene Bäume Platz.

Ausschnitt Planzeichnung Tiny-Forest, Stadt Bochum

Zu behaupten, Wattenscheid bekäme 5.000 neue Bäume ist also maßlos übertrieben und grober Unfug. Mit der Berichterstattung wird der Eindruck erweckt, in Bochum würden tausende neue Bäume gepflanzt, um das Mikroklima zu verbessern, Boden würde in großem Umfang entsiegelt, die Stadt würde große Projekte vorantreiben, um nachhaltiger zu werden.

Die Realität ist eine andere

Im Beitrag der WAZ heißt es, die Entsiegelung des ehemaligen Betriebshofs am Wattenscheider Stadtgarten wäre einmalig („Alleinstellungsmerkmal“), eine Fläche von rund 5.500 qm Fläche wäre entsiegelt worden. Richtig ist, die entsiegelte Fläche entspricht 80 % der Fläche eines Fußballfeldes. Dem steht allerdings eine riesige Fläche von 125 Fußballfeldern entgegen, die in nur fünf Jahren von 2016 bis 2021 versiegelt wurden (In Bochum wurde in 5 Jahren eine Fläche von 125 Fußballfeldern versiegelt).

Werden in Bochum Bäume gefällt, erfolgt der Ausgleich immer öfter nicht in der Stadt. Die Stadt gibt selbst zu, dass “in Bochum ein akuter Mangel an Flächen für den Waldausgleich” herrscht” (Vorlage 20260341). Bäume, die in Bochum für Bauvorhaben weichen müssen, werden also vermehrt in anderen Regionen z.B. in Dortmund und dem Münsterland ausgeglichen.

So muss für die Entfernung des Baumbestands auf dem Baugebiet, auf dem das neue Polizeipräsidium entsteht (Harpener Hellweg), in Dortmund (Karmsche Heide) eine Fläche von 9.570 qm wieder aufgeforstet werden (Umweltbericht zur Vorlage 20260341), also eine Fläche, die mehr als sechs Mal so groß ist wie der Tiny-Forest in Wattenscheid.

Ein weiteres Beispiel: Für den Sportpark Feldmark, dort wo sich die Radstrecke Walter-Lohmann-Ring befindet, wird die derzeitige Waldfläche zur Sportparkfläche umgewidmet. Neben der bestehenden Radfahrbahn soll eine Mountainbikestrecke entstehen und eine Mountainbike-Übungsfläche, dazu eine Pumptrack-Anlage, eine Laufstrecke für Jogger, eine Calisthenics-Anlage für Fitness sowie Umkleide- und Toilettenanlagen für die Sportbegeisterten (Sportpark Feldmark, B-Plan 1027). Dafür sind forstrechtliche Ausgleichsmaßnahmen auf 121.711 qm Fläche erforderlich. Auch für diesen Waldausgleich gibt es in Bochum keinen Platz, daher soll dieser im Münsterland erfolgen. Das wird 2,6 Mio. Euro kosten. Die Ausgleichsfläche ist über 80-mal größer als der neue Tiny-Forest in Wattenscheid.

Einordnung von Maßnahmen ist Aufgabe der Lokalmedien

Angesichts der genannten massiven Waldverluste ist das euphorische Abfeiern einer mikroskopisch kleinen “Aufforstungs”-Maßnahme mit verschwindender Wirkung durch die Lokalmedien gänzlich unangebracht.

Nichts spricht gegen Berichte über die Pflanzaktion, das großartige Engagement der Initiative, die das Projekt möglich gemacht hat und die beachtliche Bürgerbeteiligung. Die Aufforstung und deren Wirkung ist hinsichtlich der Größenordnung mit Blick auf die Maßnahmen, die zu massiven Waldverlusten führen, jedoch kritisch einzuordnen. Das Gleiche gilt bei der Flächenentsiegelung, diese ist dem jährlichen Maß an Versiegelung in Bochum gegenüberzustellen.

Andernfalls ist die Berichterstattung irreführend. Die Darstellung der Schaffung des Tiny-Forest lässt die Menschen denken, die Stadt würde ganz viel tun gegen die fortschreitende Flächenversiegelung und die Vernichtung von Naturflächen. Das ist nicht der Fall. Natur- und Grünflächen verschwinden im Stadtgebiet weiter. Punktuellen, werbewirksamen Mikromaßnahmen zur Wiederaufforstung stehen massive Bauvorhaben entgegen, die zu großen Verlusten bei Grün- und Waldflächen führen.

Die Lokalmedien haben die Aufgabe, die Dinge einzuordnen, sie kritisch zu hinterfragen. Sie sollten sich nicht unbedarft und leichtfertig vor den Werbekarren der Stadt spannen lassen.

2 Gedanken zu „Das Tiny-Forest-Märchen, aber gefällte Bäume können nicht in der Stadt nachgepflanzt werden

  1. Zur fachlichen Einordnung und Klarstellung der Wirkung der Maßnahme „Tiny Forest Wattenscheid“ Als Flowful Kollektiv haben wir die Pflanztage sowie die pädagogische Einbindung der Schulen vor Ort begleitet. Zur fachlichen Einordnung der im Artikel aufgeworfenen Fragen sowie zur Wirkung des Projekts möchten wir die Perspektive um wesentliche Fakten ergänzen: 1. Entsiegelung der Gesamtfläche Es ist wichtig festzuhalten, dass auf dem Gelände des ehemaligen Betriebshofs die gesamte Fläche entsiegelt wurde. Dass davon rund 1.500 m² als Tiny Forest (aufgeteilt in drei Pflanzbereiche) angelegt wurden, ist ein bemerkenswerter Erfolg bürgerschaftlicher Hartnäckigkeit. In einem dicht besiedelten urbanen Raum, in dem Flächenkonkurrenz den Alltag bestimmt, ist jeder Quadratmeter, der der Natur zurückgegeben wird, ein wertvoller Schritt. Der Tiny Forest ist hierbei kein Ersatz für großflächigen Waldausgleich im Außenbereich, sondern ein gezielter Prototyp für mehr lebendiges Grün im direkten Wohnumfeld. 2. Die Biologie der Miyawaki-Methode Die Kritik an der Zahl der „5.000 Bäume“ beruht auf einem Missverständnis der Pflanzmethode. Ein Tiny Forest (Mini-Wald) ist konzeptionell darauf ausgelegt, auf kleinen Flächen ab ca. 200 m² ein maximal leistungsfähiges Ökosystem zu etablieren. Die hohe Dichte der gesetzten Jungbäume (Setzlinge) ist dabei kein Marketing-Instrument, sondern der biologische Motor: Die Pflanzen wachsen in einer Gemeinschaft auf, stützen sich gegenseitig und stimulieren ein beschleunigtes Wachstum. In diesem natürlichen Kreislaufsystem setzen sich die vitalsten Individuen durch, während diejenigen, die im Schatten bleiben, als organische Nährstoffe in den Boden eingehen und das System weiter stärken. Ziel ist die schnellstmögliche Bildung von Biomasse und Biodiversität auf engstem Raum. 3. Pädagogik und gesellschaftliche Wirkung Über die rein ökologische Funktion hinaus ist der Tiny Forest ein pädagogisch begleiteter Lernort. Hunderte Menschen, Kinder und die beteiligten Schulen haben hier das Erlebnis geteilt, aktiv einen Wald in ihrer Stadt zu pflanzen. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist der Kern des Projekts: Sie macht Themen wie Bodenregeneration und Klimaresilienz begreifbar. Der Wald fungiert somit als Schaufenster für das, was im städtischen Raum machbar ist – von der Mikroklima-Verbesserung bis hin zu zukünftigen Konzepten wie urbanen Waldgärten. Ob eine solche Maßnahme die systemischen Fragen der stadtweiten Flächenbilanz löst, ist eine berechtigte Debatte. Doch für die Menschen in Wattenscheid ist dieser Wald ein konkretes, sichtbares Zeichen für eine grünere Stadtentwicklung, das weit über die physische Fläche hinauswirkt.
    • Hallo Lars, wir sind grundsätzlich sehr für solche Maßnahmen, eben auch aus den von dir genannten Gründen. Sie müssen allerdings richtig eingeordnet werden. Auch dürfen sie nicht dazu missbraucht werden, um von den eigentlichen Entwicklungen, hier bei Versiegelung und Baumpflanzungen in Bochum abzulenken. Leider ist es übliches Vorgehen der Stadt, gezielt mit wenigen vergleichsweise kleinen Vorzeigeprojekten zu versuchen den Eindruck zu erwecken, die Stadt verfolge die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit ernsthaft. Das ist leider nicht der Fall. Bei den Menschen entsteht ein falscher Eindruck. Die Projekte werden leider als Alibi benutzt. Das ändert an ihrem eigentlichen Wert nichts. Und es ist toll, wenn Menschen solche Projekte mit viel Engagement und Herzblut auf den Weg bringen, auch um anderen in der Stadt die damit verbundenen Themen näher zu bringen. Wir wünschen euch daher weiterhin viel Erfolg! Aber lasst euch nicht zu sehr von der Stadt vereinnahmen.

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