18 Aug

VRR – Höchste Zeit für den E-Fahrschein

Das Netz von Bussen und Bahnen wird von Besuchern wie Einheimischen wie den Bewohnern des Ruhrgebiets regelmäßig als rückständig und für eine Metropolregion, in der 5,1 Mio. Menschen leben, als völlig unzureichend angesehen. Auch das Fahrschein- und Fahrpreissystem, das immer noch auf Papierfahrscheinen basiert, die abgestempelt werden müssen. wird von vielen Fahrgästen als kaum durchschaubar, umständlich und zu teuer empfunden.

Während gewinnorientierte Verkehrsunternehmen an mehr Fahrgästen und daher an einer Ausweitung des Netzes und einem effizienten Ticketing-System interessiert sind, konnte man bei den 13 kommunalen Nahverkehrsunternehmen der selbsternannten „Metropole Ruhr“ hinreichende Bemühungen die genannten Ziele ebenfalls zu erreichen bisher kaum feststellen. Man verwaltet seit Jahrzehnten mehr schlecht als recht den Ist-Zustand. Konsequente Anstrengungen, den Nahverkehr so zu organisieren wie er in Millionen-Metropolen sonst auf der Welt funktioniert, sind allenfalls in Ansätzen zu erkennen.

VRR testet neues E-Fahrschein-System nextTicket

Jetzt aber soll zumindest das Fahrschein-System modernisiert werden. Zu diesem Zweck testet der VRR unter dem Namen nextTicket bis Ende August ein neues App-basiertes E-Fahrschein-System. Dabei werden die Fahrten pro km abgerechnet (20 Cent/km, Abrechnungssystem). Mittels einer App loggt der Fahrgast sich mit dem Handy am Anfang der Fahrt ein und am Ende wieder aus. Auf diese Weise berechnen sich die gefahrenen Kilometer. Zum Kilometerpreis wird ein Grundpreis hinzugerechnet, der um weinige Cent variiert, je nachdem wie groß die Stadt ist, von der aus der Fahrgast gestartet ist (A1 1,40 Euro, A2: 1,42 Euro ,A3: 1,45 Euro). Auch ist der Fahrpreis pro Fahrt auf maximal 15,30 Euro begrenzt (Kappung).

Vergleich mit E-Fahrschein-Systemen auf Basis von Chipkarten

Vergleicht man das E-Fahrschein-System nextTicket mit den in fortschrittlichen Metropolen weit verbreiteten E-Fahschein-Systemen, die mit Chipkarten funktionieren, z.B. London (Oyster), Niederlande (OV-chipkaart), Dublin (Leap-Card), Hongkong (Oktopus), Helsinki (Travel Card), Japan (Pasmo, Suica), so hat es gegenüber den üblichen System jedoch leider erhebliche Schwächen.

Kartensysteme funktionieren mittels einer Chipkarte mit RFID-Chip, die mit einem Geldbetrag wie eine Geldkarte zum Bezahlen von E-Fahrscheinen aufgeladen werden kann. Unternimmt der Besitzer der Chipkarte eine Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr, wird die Karte bei der Ein- wie bei der Ausstiegshaltestelle im Vorbeigehen kurz über den Kartenleser gehalten. Der Fahrpreis berechnet sich aus der zurückgelegten Entfernung, entweder anhand der zurückgelegten Stationen oder der durchfahrenen Tarifzonen. Für Busse gilt ein Standardtarif der pro Fahrt zu entrichten ist, unabhängig davon wie viele Haltestellen bzw. wie lange gefahren wird. Der entstandenen Fahrpreise wird vom Guthaben der Chipkarte am Ende der Fahrt abgebucht. Jederzeit kann die Karte neu aufgeladen werden. Besonders in Asien funktioniert die Karte auch als Geldkarte und es kann in vielen Geschäften damit bezahlt werden. Auch Tages-, Wochen-, Monats- und andere Tarife lassen sich auf die Karte aufbuchen. Weiterhin gibt es neben den E-Fahrkarten herkömmliche Einzelfahrscheine, diese sind aber deutlich teurer als Fahrten mit der Karte.

Einfache Handhabung

Einloggen mit Chipkarte (Hongkong, Octopuscard)

Chipkartensysteme funktionieren also denkbar einfach. Mehr als zu Fahrtbeginn die Geldbörse mit der Nahverkehrskarte im Vorbeigehen über das Kartenlesegerät zu halten (Einloggen mit Karte) und das gleiche bei Beendigung der Fahrt zu tun, ist nicht nötig. Beim Bus ist bei Kartensystemen nur beim Einstieg ein kurzer Kontakt von Chipkarte und Kartenleser erforderlich. Der Aufruf einer App sowie das Ein- und Ausloggen mit Auswahl der entsprechenden Haltestellen wie beim nextTicket-System entfällt. Bei Benutzung der nextTicket-App, fallen darüber hinaus zusätzliche Kosten für die mobile Datenübertragung der App an, sofern an der Haltestelle kein WLAN verfügbar ist.

Nachvollziehbares und gerechtes Tarifsystem

Das Tarifsysteme bei Chip-Kartensystemen sind leicht nachvollziehbar. Sie werden von den Fahrgästen daher als gerecht empfunden, da der Fahrpreis im Wesentlichen nach zurück gelegter Strecke abgerechnet wird. Regional oder U-bahn-Fahrten sind teurer als Straßenbahn- oder Busfahrten.

Das nextTicket-System ist dagegen weniger nachvollziehbar, bereits der Grundpreis erscheint unsinnig. Warum zahlt der VRR-Fahgast, wenn er in einer Gemeinde mit Preisstufe A1 startet einen Grundpreis von 1,40 Euro, in einer Stadt mit Preisstufe A2 2 Cent mehr und in großen Städten mit A3 5 Cent mehr? Warum zahlt der Fahrgast beim nextTicket für einen km mit der schnellen U-Bahn oder Regionalbahn genauso viel wie für einen km mit dem langsamen und unkomfortablen Bus, der regelmäßig nicht mal den direkten Weg nimmt?

Wenn für Busse der Tarif pro km genau so teuer ist wie für U-Bahnen oder Regionalbahnen lohnt es sich für die Nahverkehrsunternehmen nicht in schnelle und komfortable Schienenwege zu investieren. Stattdessen werden wie bisher Buslinien subventioniert. Eigentlichen sollten zentrale Buslinien wie in Bochum die Linien 368, 345 und 353 ganz oder teilweise durch schnelle, kurz getaktete Straßenbahnlinien ersetzt werden, um mehr Menschen effizient und komfortabel transportieren und auf diese Weise neue Kunden gewinnen zu können. Das nextTicket-System bietet hierfür keinen Anreiz. Mit jedem gefahrenen Bus-Kilometer verdient das Nahverkehrsunternehmen beim nextTicket-System mehr als mit den schnelleren, besser getakteten und komfortableren Verkehrsmitteln.

Bei Kartensystemen kostet jede Busfahrt hingegen einen festgelegten Pauschalpreis, egal wie lange der Fahrgast den Bus benutzt. Dies entspricht dem Nutzungsverhalten der Fahrgäste. Der Bus ist nur Zubringer zu den Stationen des Schnellverkehrsnetzes, mit ihm werden keine Menschen über lange Strecken transportiert. Im Ruhrgebiet fahren sind Menschen dagegen gezwungen lange Strecken mit dem Bus zurück zu legen, weil es in vielen Regionen an Strecken für den Schnellverkehr fehlt. Buslinien im Ruhrgebiet sind häufig Provisorien, die Unzulänglichkeiten im Netz ersetzen. Für derartige Provisorien dürfen Nahverkehrsunternehmen nicht über das Ticketsystem belohnt werden.

E-Fahrscheine günstiger als Papierfahrscheine

Auch sollte das neue E-Fahrschein-System deutlich günstiger sein als das alte Papiersystem, das eine teuere und wartungsintensive Technik besonders bei Entwertern und Fahrscheinautomaten erfordert. Auch das ist beim nextTicket nicht der Fall. Die E-Fahrscheine können sogar teurer sein als die Papierfahrscheine. Ein Anreiz auf das neue, moderne System umzusteigen fehlt somit.

Technische Zuverlässigkeit und Nutzbarkeit

Auch ist das Handy nicht so zuverlässig wie ein Kartensystem. Was passiert wenn es ausfällt oder auf der Fahrt der Akku schlapp macht? Was machen Menschen ohne Handy oder mobilen Datentarif? Umständlich wird es auch, wenn das Mobilfunkgerät kaputt geht. Eine Chipkarte ist dagegen immer einsatzbereit, das System hat eine extrem geringe Ausfallquote. Eine nicht funktionierende Karte lässt sich einfach durch eine neue ersetzen, auf die das Guthaben ohne Probleme übertragen werden kann.

Datenschutz

Auch ist der Fahrgast mit der Chipkarte, sofern er diese nicht personalisiert, immer anonym unterwegs. Es weiß niemand, wer die Karte benutzt und von wo nach wo der Fahrgast unterwegs war. Voraussetzung für die Nutzung von nextTicket ist dagegen immer die Einrichtung eines Kundenkontos mit Angabe des Namens und der Adresse sowie der Angabe einer Bankverbindung oder von Kreditkartendaten (AGB nextTicket). Die mit nextTicket zum Ticketing erfassten Daten (inkl. Geburtsdatum
und Mail-Adresse) ließen sich also personalisiert auswerten, um ein Bewegungsprofil zu erstellen, auch wenn der VRR dies weder darf noch tut.

Zahlungsausfälle und Bargeldzahlung

Beim nextTicket-System werden die monatlich entstandenen Fahrtkosten im Nachhinein vom Bankkonto oder der Kreditkarte abgebucht. Es gibt keine Vorauszahlung, wie es bei den Chipkartensystemen erforderlich ist. Das nextTicket-System erfordert eine nachträgliche Abrechnung und einen Zahlungseinzug. Menschen, die nach Einschätzung von entsprechenden Zahlungsmittelanbietern keine ausreichende Kreditwürdigkeit besitzen, können nextTicket nicht nutzen. Eine Bargeldzahlung ist nicht möglich.

Scheitert der Einzug der Fahrtkosten beispielsweise wegen mangelnder Deckung des Kontos oder wegen Überziehung des Kreditkartenlimits müssen auf Seiten des betroffenen Nahverkehrsunternehmen teure Verwaltungsabläufe und ggf. sogar gerichtliche Verfahren eingeleitet werden um die Fahrtkosten nachträglich beizutreiben. Im schlimmsten Fall müssen die entstandenen Fahrtkosten sogar vollständig abgeschrieben werden.

Auch diese Abläufe entfallen bei Chipkartensystemen. Die Chipkarten werden im Voraus aufgeladen. Dies ist auch anonym mit Bargeld möglich. Danach wird der Guthabenbetrag abgefahren. Mit dem Einzug von Fahrtkosten von möglicherweise ungedeckten Konten haben die Nahverkehrsunternehmen nie ein Problem.

Kappungsgrenzen

Auch die Kappungsgrenze pro Fahrt beim nextTicket (max. 15,30 Euro pro Fahrt) erscheint nicht ausgereift. Kappungsgrenzen pro Tag, Woche oder Monat, wie es sie z.B. im Oyster-System in London gibt, scheinen deutlich sinnvoller und gerechter. Dort werden durch die Kappung Vielfahrer belohnt und es werden nicht Unzulänglichkeiten des Abrechnungssystems korrigiert, weil dieses bei einzelnen Verbindungen zu einem unangemessen hohen Fahrpreis kommt.

Zusatznutzen

Auch ergeben sich mit dem nextTicket-System keine Zusatznutzen. Während man mit der Guthabenkarte des Nahverkehrssystems auch noch ein Rad an der nächsten Fahrradverleihstation ausleihen, damit sein Taxi bezahlen oder im Laden noch ein Getränk seiner Wahl kaufen könnte, funktioniert all das mit dem nextTicket nicht.

Einführung eines E-Fahrscheinsystems mit Chipkarte

Im Ergebnis kann das nextTicket-System nicht überzeugen. Es hat zu viele Schwächen und bietet zu wenig Vorteile (Vergleich Chipkarte vs. nextTicket), gegenüber ausgereiften Kartensystemen wie Oyster, Octopus, Pasmo, Suica und ähnlichen.

Chipkarte vs. nextTicket

Der einzige echte Vorteil des nextTicket-Systems liegt darin, dass man keine Fahrkartenautomaten zum Aufladen von Karten und keine Kartenleser zur Erfassung der Fahrten benötigt.

Die Chipkartensystem in Metropolen sind nicht umsonst so erfolgreich und konnten viele neue Kunden für den Nahverkehr gewinnen. In London z.B. wurden 2012 über 80% der Fahrten mit der Oysterkarte durchgeführt. Kreditkartenfirmen bieten mittlerweile Kreditkarten an, die bereits die Funktionen der Nahverkehrskarten beinhalten.

Es wird also höchste Zeit, dass auch der VRR sein Fahrkartensystem ebenfalls auf ein Chipkartensystem umstellt (Chipkarte VRR, Entwurf). Da es etliche Anbieter solcher Systeme gibt, die diese seit 1997 erfolgreich betreiben, sollte eine Umstellung schnell möglich sein.

Chipkarte als E-Fahrschein im VRR (Entwurf)

Für das Chipkartensystem sind insbesondere die Lesegeräte für die Karten an Ein- und Ausstiegshaltestellen des Schienenverkehrs und in den Bussen sowie Fahrscheinautomaten an wichtigen Stationen des Nahverkehrs zu installieren.

Um das neue System für viele Menschen attraktiv zu machen, wäre zu überlegen, ob zur Einführung jeder Einwohner eine Gratiskarte ggf. mit einem minimalen Guthaben erhält.

Wichtig ist, dass das Abrechnungssystem im Schienenverkehr den Fahrpreis auf Basis der gefahrenen Strecke oder der durchfahrenen Tarifzonen berechnet, während Busstrecken pauschal pro Fahrt abgerechnet werden. Es erscheint angemessen, dass die Fahrt mit schnellen, komfortablen und dicht getakteten Verkehrsmitteln mehr kostet, als die Fahrt mit einem Bus.

Neben einem Chipkartensystem kann ein App-System wie nextTicket allenfalls als Ergänzung sinnvoll sein, allerdings nur dann, wenn es auf dem gleichen Abrechnungssystem basiert wie das Chipkartensystem. Die Einführung eines E-Fahrscheinsystem auf Basis von Chipkarten ersetzen kann ein System wie nextTicket hingegen nicht.

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